Anlässlich der Fussball-WM richtete der Freistaat Bayern ein Bayerisches Haus in Kapstadt als Visitenkarte Bayerns ein. Unter dem Motto „Bavaria Meets Western Cape Expo" präsentierte das Bayerische Haus vom 9. bis 18. Juni 2010 zusammen mit der Provinzregierung von Westkap die vielfältigen Partnerschaftsprojekte Bayern - Westkap, bot eine soziale Plattform und förderte die Wirtschafts- und Wissenschaftsbeziehungen Bayern - Westkap. Neben dem Engagement Bayerns im Bildungs-, Sicherheits-, Gesundheits- und Sozialbereich, bei der Ausbildung von Kindern und Jugendlichen, der Zusammenarbeit bei der Inneren Sicherheit sowie der Aids-Bekämpfung setzen Bayern und Westkap in den kommenden Jahren auf eine verstärkte Zusammenarbeit bei den Zukunftsthemen Hochtechnologie, erneuerbare Energien und Stadtentwicklung.
Ich durfte an dieser Delegationsreise zusammen mit den Landtagsabgeordneten Dr. Linus Förster, Alexander König und Theresa Schopper sowie einer großen Fachdelegation, der unter anderem der Präsident des Bayerischen Fußballverbandes Dr. Rainer Koch und der Regisseur und Produzent Joseph Vilsmaier angehörten, teilnehmen.

Als Veranstaltungsort diente der Artscape Theatre Complex, das Kulturzentrum von Kapstadt mit verschiedenen Bühnen, Konzerthallen, Ausstellungsräumen und einem Kinosaal. In einem bayerischen Zelt auf dem Vorplatz wurden bayerische Speisen, Musik und public viewing angeboten.

60 Teilnehmer aus Bayern wirkten bei der Bavaria meets Western Cape Expo mit. Folgende Institutionen und Projekte waren vertreten:

  • Bayerischer Fußball Verband
  • Eine Welt Netzwerk Bayern e. V.
  • HOPE e.V.
  • Kolping Südafrika
  • Lebenslinien e.V.
  • Missio München
  • Power-Child Campus e. V.
  • WASH United

Während der Veranstaltung traf ich die ehemalige Weltbürgermeisterin und heutige Premierministerin von Westkap Helen Zille, eine sehr engagierte und faszinierende Frau. Helen Zille, geb. am 09.03.1951 in Johannesburg, ist eine deutschstämmige südafrikanische Journalistin und Politikerin. Sie war von 2006 bis 2009 Bürgermeisterin von Kapstadt; seit dem 6. Mai 2009 ist sie Premierministerin der Provinz Westkap. Ihre Verpflichtungen als Bürgermeisterin bezogen sich auch auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010, bei der Kapstadt Gastgeber ist. Zille überwachte den Bau und die Finanzierung des Kapstadt-Stadions. Zille nahm sich als Bürgermeisterin besonders des Drogenproblems in Kapstadt an. Sie forderte die Dezentralisierung der Polizei und unterstützte Drogen-Rehabilitations-Centren. Zille forderte außerdem, dass auch von Seiten der Staatsregierung gegen den Drogenmissbrauch vorgegangen wird.
Am 14. Oktober 2008 wurde Helen Zille mit dem Titel „Weltbürgermeisterin“ ausgezeichnet.

Ich bin von dem, was ich gesehen und gehört habe, zutiefst bewegt - der Besuch zweier Fußballspiele wurde Nebensache. Unermesslicher Reichtum auf der einen und bitterste Armut auf der anderen Seite prägen das Bild Südafrikas. Gewalt gegen Frauen ist Alltag, Vergewaltigungen an der Tagesordnung - fast 40 % der Frauen sind HIV-positiv. Gangs beherrschen die Townships, Bildung und Ausbildung gibt es nur für Wenige.

Wir in den Industriestaaten sind verwöhnt: Jeden Tag kommt bei uns sauberes Wasser aus den Wasserhähnen, das zwar teuer ist und auch bei uns knapper wird. Aber im Vergleich zur Wasserversorgung in Südafrika und anderen Ländern Afrikas leben wir im Schlaraffenland.

Ein Vergleich macht klar, worum es geht. Wenn während der Fußball-WM um die Weltmeisterschaft gespielt wird, werden in Afrika Spiel für Spiel zwischen Anstoß und Abpfiff fast 150 Kinder an den Folgen verunreinigten Trinkwassers und mangelnder Hygiene sterben. Das heißt: Alle 40 Sekunden stirbt ein Kind einen vermeidbaren Tod.

Aus dem Bericht von WASH United (WASH ist die englische Abkürzung für water, sanitation and hygiene, übersetzt: Wasser, Sanitäreinrichtungen und Hygiene): „Von den 800 Millionen Menschen im Afrika südlich der Sahara haben ungefähr 330 Millionen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Fast 70 Prozent der Menschen in der Region leben ohne Zugang zu angemessener Sanitärversorgung. Deshalb ist die Hälfte aller Krankenhausbetten in Afrika mit Menschen belegt, die an Durchfallerkrankungen leiden.

Dabei geht es nicht um Meisterschaften und Pokale, sondern um die Rettung von Leben! Bekannte Fußballstars wie Didier Drogba und Arjen Robben werden sich vor und während der Fußball-WM in Südafrika in der Öffentlichkeit, im Fernsehen, im Radio lautstark für die Clubziele einsetzen. Alle müssen wachgerüttelt werden: Denn die Hälfte aller Kinder, die an Unterernährung sterben, leiden auch an Durchfallerkrankungen. Diese entstehen vor allem durch verschmutztes Trinkwasser und fehlende Sanitäreinrichtungen und mangelnde Hygiene. Das kann man ändern!

Experten der UNO haben ausgerechnet, dass allein durch regelmäßiges Händewaschen mit Seife (oder Sand, Asche oder Schlamm) die schlimmen Durchfallerkrankungen um beinahe die Hälfte reduziert werden können! Doch zuerst muss Wasser vorhanden sein und die Menschen müssen ihre Gewohnheiten ändern.

Das ist nicht so einfach. Alle, vor allem die Kinder, brauchen Unterstützung. Und starke Vorbilder wie die Fußballstars, die dabei helfen, lebensrettende Verhaltensänderungen zu erzielen. WASH United will als Champion für Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene einen einzigartigen Beitrag dazu leisten.“

Nachdem der offizielle Teil der Delegationsreise beendet war, war ich Gast von Kolping Südafrika. Deren Projekte geben echte Hoffnung auf eine Verbesserung der Gesamtsituation! Kolping Südafrika, eine katholische Laien-Mitglieder-Organisation und seit 1990 als gemeinnützige Organisation eingetragen, ist am südlichen, östlichen und westlichen Kap auf dem Gebiet der Ausbildung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, der Stärkung und der Unterstützung junger Menschen in ihrer ganzheitlichen Entwicklung tätig. Das Kolpingwerk Südafrika hat sich entschlossen, mit dem sogenannten Work Opportunity Programm (Berufsförderungsprogramm), das sich schwerpunktmäßig mit jungen Menschen unter 30 Jahren beschäftigt, einen Schwerpunkt auf das Problem der Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen zu legen. Das Erlernen, bzw. Erfahren von Life Skills, die die persönliche Entwicklung stärken, gehört dazu.
Großen Stellenwert hat das deutsche duale Ausbildungssystem, das schrittweise durch bayerische Förderung und den Know-How -Transfer der IHKs in Südafrika eingeführt wird.

Auch über die Projekte von Missio München habe ich viel erfahren:

Im November 2008 gründeten das Internationale Katholische Missionswerk missio in München, Mission EineWelt, den „Club der guten Hoffnung“. In Zusammenarbeit mit südafrikanischen Partnern gibt der Club authentische Einblicke in das südafrikanische Leben. Anhand persönlicher Geschichten werden die Probleme des Landes aufgezeigt – und Männer und Frauen vorgestellt, die unermüdlich für eine Verbesserung der Lebenssituation der Menschen eintreten.

Die gewalttätige Wirklichkeit und die Sehnsucht nach Frieden bestimmen die Arbeit in Südafrika. Auch 16 Jahre nach dem Ende des Apartheidregimes herrscht in der Gesellschaft eine Unkultur der Gewalt, die alle Schichten durchzieht. Die Zahlen sprechen für sich: Südafrika führt weltweit die Mordstatistik an, alle 25 Sekunden wird eine Frau vergewaltigt und jeder vierte Mann gibt zu, schon mal eine Frau sexuell missbraucht zu haben. Die große Gewaltbereitschaft in Südafrika zieht aber auch weitere Probleme nach sich: So steigt die Zahl der Straßenkinder in Südafrika seit Jahren kontinuierlich an und in den sozialen Brennpunkten kontrollieren zunehmend gewaltbereite Gangs das Leben der Menschen.

Der Club der guten Hoffnung möchte durch seine Aktionen und Projekte der Gewalt in Südafrika, aber auch bei uns im Land entgegenwirken und für mehr Frieden und Gerechtigkeit in der einen Welt sorgen. Drei Hauptziele verfolgt der Club der guten Hoffnung.

  • Sensibilisierung der Öffentlichkeit in Südafrika und Deutschland für die Gewaltproblematik sowie Aufklärung über die Ursachen und Aufzeigen von Lösungsmöglichkeiten
  • Finanzierung von Projekten im südlichen Afrika, in denen Straßenkinder, Gewaltopfer und gewaltauffällige junge Menschen Hilfe finden
  • wirkliche Begegnungen zwischen Südafrikanern und Deutschen ermöglichen, um Verständnis und Toleranz zu fördern, die Voraussetzung für ein friedliches Miteinander sind

Dem Teufelskreis aus Armut, Drogenabhängigkeit und Gewalt setzen Jugendprojekte der Erzdiözese Kapstadt und anderer kirchlicher Träger Bildungs- und Betreuungsangebote entgegen. Mit Unterstützung von missio bietet das Jugendprogramm der Erzdiözese Sport- und Freizeitangebote, um gefährdete Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen. „Durch Sport und künstlerische Workshops entdecken Jugendliche aus den Townships ihre Talente, sie können Aggressionen abbauen und Traumata verarbeiten“.

Engagement von Missio und Welthungerhilfe gegen HIV:

Fünfeinhalb Millionen Menschen sind in Südafrika mit dem HI-Virus infiziert. Tagtäglich sterben 950 Personen an den Folgen von Aids. Und jeden Tag stecken sich 1.500 Menschen neu an. Mehrheitlich sind Frauen betroffen. Häufig haben sie sich in Folge einer Vergewaltigung infiziert.

Die Zielsetzung der Projekte ergibt sich aus den allgemeinen Problematiken des Landes. In Südafrika ist HIV/Aids immer noch mit einem großen Tabu belegt: Betroffene halten ihre Krankheit so lange wie möglich geheim. Ausgrenzungen der Kranken aus dem Freundes- und Bekanntenkreis sind an der Tagesordnung. Die hohe Arbeitslosigkeit (45 Prozent) in der Region trägt zu einer weit verbreiteten Unterernährung und einem schlechten Gesundheitszustand in der Bevölkerung bei. Der Status von Frauen ist niedrig. Darum sind sie einem erhöhten Risiko von Benachteiligung und Missbrauch ausgesetzt.

Die Projekte setzen auf ganzheitliche Konzepte mit einem umfassenden Katalog an Maßnahmen: Aufklärung und Bewusstseinsbildung, Abbau von Stigmatisierung und Tabuisierung, pflegerische und medizinische Betreuung der betroffenen Personen, psychologische Betreuung und Beratung für die Kranken und ihre Familienangehörigen und nicht zuletzt Möglichkeiten zur ökonomischen Absicherung (Essen, Kleidung, Wohnung).

Auch der DFB und der Bayerische Fußballverband engagieren sich in Afrika

Beispiel Mosambik:

Der niedrige Grad der Alphabetisierung ist wohl das größte Problem Mosambiks, obwohl alle Regierungen seit der Unabhängigkeit den freien Zugang zur Bildung als vorrangiges Ziel haben. Dennoch gibt es bei der Umsetzung der Bildungsprogramme viele Probleme, da zum einen kaum Lehrer vorhanden sind und zum anderen nicht alle Kinder in die Schule gehen können, weil sie zum Lebensunterhalt ihrer Familien beitragen müssen. Aber auch der Bürgerkrieg hinterließ in Mosambiks Schulsystem seine Spuren. Sehr viele Schulen wurden bei den Auseinandersetzungen zerstört, so dass Schulbildung in einigen Regionen fast ganz zum Erliegen kam.

Ein weiteres gravierendes Problem ist die hohe Kindersterblichkeitsrate, die bei über 20% liegt (in Deutschland: 0,5%), was durch das große Missverhältnis von Arzt pro Patient (auf einen Arzt kommen 143.351 Patienten; im Vergleich dazu kommen in Deutschland auf einen Arzt lediglich 298 Patienten) noch verstärkt wird. Dies hat auch Auswirkungen auf die Lebenserwartung, die lediglich bei 40,9 Jahre liegt (Deutschland: ~ 79 Jahre).

Erschütternd ist die Armut der Menschen in Mosambik, etwa siebzig Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Davon sind vor allem die Kinder stark betroffen. Zu den gravierendsten Problemen des Landes zählen der fehlende Zugang zu sozialen Grunddiensten, die geringe Produktivität der Landwirtschaft, die wenigen leistungsfähige Privatunternehmen, fehlende marktwirtschaftliche Strukturen und eine hohe Anzahl an AIDS erkrankter Menschen.

Seit 2005 kooperiert der BFV erfolgreich mit Projekten in Afrika.

Ziel ist es, im Sinne sozialer und gesellschaftspolitischer Aufgaben eines der ärmsten Länder der Welt mit finanziellen und materiellen Hilfeleistungen beim Aufbau von grundlegenden Strukturen zu unterstützen. Dabei geht es um die Schaffung von Schulen und Ausbildungseinrichtungen und die Verbesserung von Hygiene-, Ernährungs- und Wohnbedingungen.

Die Eindrücke meines Südafrika-Besuchs sind tief. Ich werde in den nächsten Wochen eine Spendensammlung initiieren, um durch die Organisationen von Kolping und Missio den Kindern und jungen Menschen in Afrika die Chance auf Bildung zu eröffnen - nur dadurch kann der Teufelskreis aus Armut, Krankheit und Unwissenheit durchbrochen werden.

Obdachlosensiedlung vor der Skyline von Cape Town
Winter in Südafrika
Township Nyanga/Cape Town
Township Gugulethu
Vuzvuzela Day in Cape Town
WM-Auftakt
Kolping Projektbesuch in Deutschland-Trikots
Eröffnung Expo
missio Projektbesuch (Fotos: Fritz Stark, missio)